Frühlingsproduktion 2020

Die diesjährige Frühlingsproduktion des Studierenden Theaters Zürich versucht sich im Materialtheater und betrachtet Lessings Olymp der Aufklärung „Nathan der Weise“ durch die Linse von Elfriede Jelineks Sekundärdrama „Abraumhalde“. Gestützt auf Lessings unsterbliche Sprache erzählen wir Nathan ́s Geschichte in den Wirren von Religionskriegen und Kreuzzügen. Unverrückbar im Kanon der deutschsprachigen Schulliteratur verwurzelt, bleibt der Klassiker ein sprachliches Meisterwerk des humanistisch-europäischen Kulturraumes. Doch wie steht es mit unseren kulturellen Werten? Wieviel Gehalt ist Toleranz, Menschenrechten und Gleichstellung noch zuzubilligen?

Jelinek führt mit Wertesystemen wie Religion, freier Marktwirtschaft und Humanismus einen radikalen Realitätsvergleich durch und endet mit der Herkulesaufgabe unserer Generation. Gleichheit, Toleranz und nicht zuletzt die Menschenrechte halten den gesellschaftlichen Realitäten nicht mehr stand. Wieviel sind uns die Menschenrechte in chinesischen Umerziehungslagern wert, wenn sie gegen wirtschaftlichen Profit aufgewogen werden? Wieviel Toleranz können wir unsin Zeiten von Populismus, omnipräsentem Antisemitismus und Rassismus noch leisten?

Die Geschichte wiederholt sich. Das wissen wir. Es wird uns tagtäglich in der Schule, in den Medien und unserem Umfeld gesagt. Aber was bedeutet das? Es bedeutet, dass der zweite Weltkrieg nicht im Deutschunterricht aufhört. Es bedeutet, dass Antisemitismus und der Missbrauch von Schwächeren älter ist, als unser humanistisches Kulturgut. Der Holocaust liegt nicht nur in unserem europäisch kulturellen Gedächtnis, er ist Teil von uns. Tagtäglich müssen wir mit unserer Geschichte umgehen, sie immer wieder demaskieren und aushalten, dass täglich das Murmeltier grüsst.

Was ist nun Jelineks Herkulesaufgabe, mit welcher sie uns und euch liebes Publikum zurück lässt? Jelinek sagt, dass jedes Wertesystem, so auch der Humanismus irgendwann von der Realität entleert und getreulich auf die Halde gelegt wird. Was bleibt dann? Was bleibt vom Menschen, wenn Werte, Identifikation und Grundstock jedwede Berechtigung verloren haben?

Website des Zürcher Studierendentheater